Ein Newsletter für und über die Zukunft.

Azimut Futur #19#0001: 2019

~ Ein Newsletter für und über die Zukunft ~

Das Jahr 2018 war in vielerlei Hinsicht interessant, erschreckend und stellenweise gruselig. Am 14. Februar kam es zum Schulmassaker von Parkland, das 16 Opfer forderte. Viele der Überlebenden wurden anschließend zur Zielscheibe von rechten Verschwörungstheoretikern. Es folgten die Amokfahrt in Münster, der Anschlag von Carcassonne und Trèbes und Schüsse auf einem Weihnachtsmarkt in Straßburg. Dazu sitzt Donald Trump immer noch im Weißen Haus und heizt das politische Klima in den USA und der ganzen Welt auf.

Und wie es um das Erstarken rechter, neo-nationalistischer und menschenfeindlicher Tendenzen steht, das haben die Ereignisse in Chemnitz und Cottbus, die Ermittlungen gegen mutmaßlich rechtsradikale Polizeibeamte, die sich weiterhin haltende AFD und ähnliche Bewegungen im Rest Europas gezeigt.

Auch um unseren Planeten steht es nicht so toll. Die CO2-Emissionen nehmen zu statt ab. Der Klimarat glaubt nicht mehr daran, dass wir die 1,5-Grad-Grenze halten können, riesige Waldbrände verwüsteten Kalifornien und der Golf von Mexiko wird, wie Recherchen nun zeigten, seit 14 Jahren mit 100ten Millionen Litern Öl verpestet – ohne, dass es jemanden interessierte. Und dann war da noch Youtube Rewind 2018 – eine ganz eigene Art von Naturkatastrophe.

Dennoch: Nicht alles ist schlecht. Wirklich nicht. Die Kindersterblichkeit nimmt ab. Die Zahl der Malaria- und Tuberkuloseerkrankten sinkt. Die Kofan in Ecuador haben einen Schutz des Fluss Aguarico erfechtet – und damit Bergbau-, Abholzungs- und Rodungsspläne von Regenwaldgebieten verhindert. Mit dem Elfenbeinverbot in China ist die Wilderei in afrikanischen Ländern wie Kenja gesunken. Die Zahl wilder Tieger in Nepal steigt. Spanien will ein Wildschutzgebiet im Mittelmeer ausrufen, um Wale und Define zu schützen, Chile hat 42 Prozent seiner Küste unter Schutz gestellt und Kolumbien den Nationalpark Serranía de Chiribiquete ausgedehnt – und zum größten Tropennationalpark der Welt gemacht. Oh, und das Belize Barrier Reef gilt nicht mehr als gefährdet.

Dazu werden Industrien wie die Videospielbranche allmählich weiblicherund trauen sich langsam (aber immerhin), sich Problemen wie Sexismus und fehlender Diversität zu stellen. In Indien ist Geschlechtsverkehr unter Homosexuellen nicht länger strafbar, Nord- und Südkorea nähern sich einander an und die Menschheit hat es erneut geschafft, einen Lander auf den Mars zu bringen und eine Sonde zum Rande unsere Sonnensystems zu steuern. Verschiedene Autobauer und Reedereien wie Mærsk haben angekündigt, in absehbaren Zeitspannen, Verbrennungsmotoren aufzugeben. Und Deutschland fördert keine Steinkohle mehr.

Ich will damit sagen, dass, auch wenn verdammt vieles mies läuft, wir nicht nicht missmutig werden und nur mit Furcht auf die kommenden Jahre schauen dürfen. Wir sollten realistisch und klar bleiben, natürlich. Aber nicht ängstlich oder verschreckt – oder uns gar in der Annahme suhlen, dass eh alles verloren und egal ist. Selbst wenn uns das manchmal schwer fällt: Vor 35 Jahren hatte die Tageszeitung The Star den legendären Science-Fiction-Autor Isaac Asimov gebeten, für sie in die Zukunft zu schauen. Das tat er. Oder versuchte es zumindest. Denn im Jahre 1983, in der er seinen Artikel schrieb, war nicht sicher, ob die Menschheit bis dahin noch so existieren würde. Es herrschte der Kalte Krieg und die stete Bedrohung eines nuklearen Schlagabtausches. Trotzdem entschied sich Asimov zu einer positiven Annahme.

Let us, therefore, assume there will be no nuclear war — not necessarily a safe assumption — and carry on from there.

Es war eine kühne und mutige Prophezeiung. Aber eine die nichtsdestoweniger richtig war – wie Asimov, er starb am 6. April 1992, vielleicht selbst überrascht haben mag. Eine optimistische Perspektive auf die Zukunft und die Realität schließen sich also nicht aus. Das zeigt sich auch in weiteren Punkten, die der Science-Fiction-Autor angriff. Er sah die Unabdingbarkeit der Digitalisierung und Robotik in der zunehmend komplexer werdenden Industrie und Gesellschaft, den folglichen Wegfall von – vor allem von Routine – geprägten Anstellungen und die Neuschaffung neuer Tätigkeitsfelder und Jobs.

However, the jobs created are not identical with the jobs that have been destroyed, and in similar cases in the past the change has never been so radical (...) The jobs that will disappear will tend to be just those routine clerical and assembly-line jobs that are simple enough, repetitive enough, and stultifying enough to destroy the finely balanced minds of those human beings unfortunate enough to have been forced to spend years doing them in order to earn a living, and yet complicated enough to rest above the capacity of any machine that is neither a computer nor computerized.

Auch forderte Asimov daher einen Umschwung im Bildungswesen; eine Digitalstrategie für die Schule und Ausbildung und etwas, was wir heute Medienkompetenz nennen.

This means that a vast change in the nature of education must take place, and entire populations must be made “computer-literate” and must be taught to deal with a “high-tech” world. Again, this sort of thing has happened before. An industrialized workforce must, of necessity, be more educated than an agricultural one. Field hands can get along without knowing how to read and write. Factory employees cannot.

Wobei Asimov glaubte, dass dieser Prozess dann 2019 schon geschafft wäre – und wir in einer digital geschulten Gesellschaft leben würden. Tja, daneben. Auch eine Art kooperative Weltregierung, die Umweltschutz und Weiterentwicklung der Menschheit beaufsichtigt, wie sie Asimov kurz anreißt, gibt es leider nicht.

An anderer Stelle hat Asimov aber auch wieder Recht behalten – zumindest in gewisser Hinsicht.

We will enter space to stay. (…) By 2019, the first space settlement should be on the drawing boards; and may perhaps be under actual construction.

Der Science-Fiction-Autor orakelte eine Raumstation daher. Und die haben wir. Er glaubte, dass mehrere Nationen zusammenarbeiten. Und das tun wir. Er schrieb, dass wir ins All kamen, um dort zu bleiben, um den Mond zu kolonisieren und zur Ressourcengewinnung zu nutzen. Und auch das versuchen wir – allem voran derzeit mit Bemühungen wie denen von Elon Musk mit SpaceX, Jeff Bezos' Blue Origin und verschiedenen Initiativen der NASA, ESA und Chinas CNSA.

Wir sind noch nicht ganz soweit, wie Isaac Asimov dachte, aber echt nah dran. Wir haben viel erreicht, viel vor und sind in zahlreichen Feldern auf dem richtigen Weg. Vielleicht sollten wir es wieder öfter wagen, positiv und ohne einen dunklen Schatten über unserem Haupt in die Zukunft zu schauen: 10, 20, 30 oder auch hunderte Jahre. Nicht nur als Prophezeiung, sondern als eine Art Wegweiser und To-do-List in eine gute Zukunft. Denn schließlich sollte es uns nicht nur darum gehen, welche schrecklichen Katastrophen verhindern müssen, sondern auch, was wir an positiven Errungenschaften und Erfolgen erreichen wollen.

Oder, … um es ganz kurz zu sagen: Happy 2019! Macht was draus!


Lesetipps

In Biokrieg war es zu spät für Klimaingenieure. Zahlreiche Metropolen sind untergegangen und Nationalstaaten zerfallen, sodass nun riesige Konzerne um die Vorherrschaft kämpfen. Und das mit billigen aber genmanipulierten Nahrungsmitteln, die immer wieder für Seuchen sorgen, Privatarmeen und Robotersklaven. Zu Letzteren gehört auch Emiko, ein einstiges Sexspielzeug, das sich befreien konnte und, wie auch andere New People getaufte Kunstwesen, ein eigenes Leben aufbauen will. Dabei läuft ihr der Firmenhandlanger Anderson Lake über den Weg. Bitte: Lasst euch nicht vom furchtbaren deutschen Titel abschrecken. Der Roman von Paolo Bacigalupi gehört mit zum Besten, was ich die letzten Monate gelesen habe.

Azimut Futur #18#0002: C̵̙̈̂y̴̢̽̈b̶͙̩̌̕ę̸̛̹r̸̺̓p̷͔̑̽ų̴̘͛n̴͍̽͆k̸̖̜̽̎

~ Ein Newsletter für und über die Zukunft ~

Wer mich etwas näher kennt oder mir auf Twitter folgt, der weiß, dass ich eine große Schwäche für Cyberpunk habe. Also oftmals ziemlich pessimistische und melancholische Science-Fiction-Werke, die in Welten spielen, die von abgelebten Megastädten, desolaten Regierungen, übermächtigen Konzernen, allgegenwärtiger Werbung und High-End-Technologien geprägt sind, die der Menschheit und vor allem dem Individuum aber oftmals eher schaden als nutzen. Der Grund für meine Liebe zu diesem Sci-Fi-Sub-Genre rührt wohl daher, dass ich mit der Neuromancer-Reihe von William Gibson, den Kurzgeschichten von Philip K. Dick, Filmen wie Blade Runner, Robocop, Ghost in the Shell, Akira und der Alien-Reihe (ja, auch die ist bei genauerer Betrachtung Cyberpunk) aufgewachsen bin.

Was erstaunlich ist: Der Cyberpunk flammt wieder in groß beachteten Medienwerken auf, aber hat dennoch, so scheint es, in den vergangen Dekaden nahezu keine nachhaltigen Veränderungen durchlebt. Sei es die Netflix-Serie Altered Carbon, Duncan Jones' Mute, Gabe Ibáñez' Automata, die neuen Teile der Deus-Ex-Reihe oder das kommende Cyberpunk-2077-Game: Abgesehen von Franchise-spezifischen Eigenheiten wabert in all diesen Genre-Auskopplungen ein untergründiger 80er- und 90er-Jahre-Duktus.

Die Serien, Filme und Videospiele adaptieren die gleichen Stilmittel, Looks, Klischees, Tropes und gerne auch Technologieästhetiken, die ihre literarischen und filmischen Vorbilder vor fast 40 Jahren gesetzt haben. Aber nicht zuletzt rotieren sie um die gleichen Themen und Problemstellungen: Der Wert und Selbsterkenntnisstatus von künstlichem Leben, die Verschmelzung von Mensch und Maschine, Künstliche Intelligenz und Hacker als die große Gefahr, die Aushöhlung der Staatsmacht durch Konzerne, die ungleiche Verteilung von Reichtum, Einfluss und dadurch Leben und Lebensqualität.

Damit wirken diese Werke vielfach anachronistisch; wie aus der Zeit gefallen. Beinahe als hätten sie sich selbst überlebt. Insbesondere wenn man bedenkt, dass 2019 das Jahr sein wird, ist dem die düstere Zukunft von Blade Runner angesiedelt ist. In gewisser Weise ist es aber auch wirklich so: Das Gros des Cyberpunk-Genre hat seine Tauglichkeit als Zukunftsvision verloren – und schafft es nicht, nach vorne zu blicken, neue Entwicklungen und Zukünfte zu prophezeien oder vor politischen und gesellschaftlichen Tendenzen zu warnen. Stattdessen stellen die Welten, die diese Filme, Bücher, Serien und Games zeichnen, einen metaphorischen Spiegel unserer jetzigen Gegenwart dar.

Die von Neon-Schriftzügen, LED-Wänden und holographischen Werbeanzeigen gepflasterten Städte von Blade Runner, Altered Carbon und Ghost in the Shell sind Wirklichkeit: Unsere Wirklichkeit. Zumindest im übertragenen Sinne. Die allgegenwärtige Werbung, die sich invasiv in unser Blickfeld drängt, ist da: Nämlich auf den Bildschirmen, die wir in Form von Smartphones und Tablets stets vor uns hertragen. Multinationale Megakonzerne sind mit Amazon, Google, Facebook, Apple, Tencent und Alibaba ebenso real. Und sie sind genauso janusköpfig und mächtig wie ihre Vorbilder: Sie produzieren Smartphones und betreiben unabdingbare Kommunikationsplattformen, stellen uns kostenlose Email-Postfächer und Messenger bereit und ermöglichen ein angenehmes Online-Shopping. Aber gleichzeitig überwachen sie uns, forschen an KI-Waffen, Gesichtserkennungssystemen oder sammeln und bewerten sogar personenbezogene Daten für Regierungsstellen. Gleichzeitig buhlen Städte und Staaten darum, diese Konzerne beheimaten zu dürfen.

Natürlich können wir uns heute auch schon Chips unter die Haut implantieren lassen, was erste Unternehmen nun nutzen wollen, um ihre Angestellten zu kontrollieren – die das auch noch gerne mitmachen. Ebenso wie einige Schweden, die mit den kleinen Chip-Kapseln ihren Ausweis ersetzen. Wir haben Virtual-Reality-Brillen und Debatten darüber, wie und ob diese als Folterwerkzeuge eingesetzt werden könnten. Kryptowährungen wie Bitcoin, Ether und EOS unterlaufen das Bankensystem und staatliche Kontrollen – machten einige zu Millionären und kostete andere hingegen ihr hart erspartes Geld. Und in chinesischen Metropolen wie Shenzhen und Peking akzeptieren Bettler und Obdachlose nicht mehr nur Bargeldspenden, sondern auch Mobile-Payments über WeChat-QR-Codes. That's as cyberpunk as it gets.

Auch nahezu ausschließlich aus dem Netz heraus befeuerte gesellschaftliche Bewegungen wie #metoo, die #gamergate-Debatte, die Far-Right- und Pegida-Bewegungen sind total cyberpunk – vor allem, wenn man auf die 90er-Jahre-Comic-Reihe Transmetropolitan zurückblickt, die als eine der ersten Medien beschrieb, wie ein Online-Artikel eine Milliardenstadt in Aufruhr versetzten kann. Und... sind unsere Smartphones mit all ihren Funktionen und Möglichkeiten nicht sogar ausgelagerte kybernetische Implantate, die unsere Fähigkeiten erweitern? Nicht zuletzt wenn man bedenkt, wie hilflos wir werden, wenn der Akku zur Neige geht.

Will sagen: Wir steuern nicht nur auf eine Cyberpunk-Zukunft zu. Wir leben bereits in einer. Selbst wenn die Städte weniger dreckig, der Regen weniger sauer und die Dichte der Flugtaxis heute noch vergleichsweise dünn ist. Das lässt allerdings auch fragen, ob und wie die Zukunft des Cyberpunk ausschauen kann und sollte – das sich heute offensichtlich onst alleinig im repetitiven Aufguss bekannter (wenn auch unwahrscheinlich cooler) Stilelemente und Symbole ergeht. Denn auch wenn die Geschichten nun irgendwie aktueller und unmittelbarer denn je sind, nimmt sich das Genre dadurch auch die Option, zu warnen, zu ermutigen und die Zukunft mitzugestalten – wie es Blade Runner, Neuromancer und andere frühe Cyberpunk-Werke taten. Es verliert seine Relevanz und seinen Status. Das stellte auch Paul Walker-Emig im Guardian fest.

Nobody has yet imagined a way out of the typical cyberpunk dystopia, however, which is surely a symptom of a creative block. (…) Familiar themes are there, but they don’t parse as important. The idea of the rich being able to buy de facto immortality by reinserting their consciousness into new bodies is a useful premise for a locked-room detective mystery, rather than a lever for thinking about inequality. Subjects such ascorporate power and urban destitution become equivalent to neon lights or hair dye.

Walker-Emig fordert, dass Cyberpunk wieder an die „utopische Tradition“ des Science Fiction anknüpfen sollte, um neue, aktuelle und zukünftige Felder zu erkunden. Aber: Eigentlich passiert genau das auch jetzt schon. Wenn auch mit einigen Jahrzehnten an Verzögerung. Nur noch nicht auf den großen Leinwänden und kleinen Bildschirmen, sondern auf bedrucktem Papier und E-Readern – wo es noch nicht so sichtbar ist. Schon seit einigen Jahren nehmen sich nämlich junge und noch vielfach unbekannte Autoren mit diversesten Hintergründen des Genres an, verbiegen und dekonstruieren es, entwickeln es weiter und machen es sich gänzlich zu eigen. Sie erkunden Mensch-Maschinen-Liebe, Religion, Gender, Extremismus, Metafelder der Popkultur und das Genre selbst – und erschaffen dabei nicht immer sofort allzu elegante aber spannende Werke, die irgendwann eine ebenso nachhaltige Wirkung haben könnten wie Blade Runner und Neuromancer.

Beispiele? … gleich hier.


Lesetipps

The Private Eye ist eines der merkwürdigsten Cyberpunk-Werke, das ich bisher gelesen habe. Eigentlich spielt es nämlich in einer Post-Cyber-Ära. Denn in der zehnteiligen Graphic Novel von Marcos Martín ist die Cloud geplatzt – und hat alle privaten Informationen publik gemacht. Aus Schock wurde das Internet abgestellt und Journalismus zur Straftat erklärt. Menschen verstecken ihre Gesichter hinter Masken und keiner führt öffentlich noch Gespräche. In dieser Zeit verdingt sich P.I. als Möchtegern-Paparazzi, der gegen Geld Informationen über einzelne Personen besorgt, was ihm einiges an Ärger einbringt. Die ganze Reihe gibt’s für einen Zahl-was-du-willst-Preis beim Panel Syndicate.

Willkommen bei Azimut Futur

Ein Newsletter für und über die Zukunft #18#0001

Fast vier Jahre hatte ich für WIRED Germany geschrieben. Zunächst als Freelancer. Dieses Jahr dann auch als festangestellter Redakteur. Dabei hatte ich mit den besten Kollegen gearbeitet, die man sich nur vorstellen kann und mit vielen kreativen, mutigen und intelligenten Autoren zu tun, die mir immer wieder Einblicke in unbekannte Territorien, Themenfelder und Umstände erlaubten.

Einst gestartet bei WIRED bin ich, da dieses Magazin für mich immer für die Zukunft stand. Nicht nur zukünftige Technologien und Entwicklungen, sondern die Zukunft als einen Ort, den wir erreichen können. Einen Ort, auf den man wie mit einem Schnellzug zurast, der gleich einer schimmernden High-Tech-Metropole am Horizont auftaucht, sich dann in die Höhe schiebt und dabei in den polierten Schienen und einem angrenzten Bergsee spiegelt. Ein Ort, von dem uns schon viele Geschichten erzählt worden waren und noch erzählt werden.

Die Zukunft, davon bin ich überzeugt, ist eine Welt, auf die wir alle mit Optimismus zugehen sollten. Aber nicht blauäugig und naiv. Denn wie jede Reise ist auch die Reise in die Zukunft gefährlich. Wir müssen uns in acht nehmen, dass wir uns gut vorbereiten; wissen, welche Wege wir beschreiten und alles wichtige im Gepäck haben, wenn etwas schief gehen sollte. Die Zukunft ist sowohl real als auch fiktiv, sie ist Science und Fiction – aber vor allem ist sie wahnsinnig spannend.

Und auch wenn WIRED Germany es selbst nicht in diese Zukunft schaffen wird, werde ich meine Reiseplanung nicht aufgeben, sondern versuchen weiterhin unsere Stationen festzuhalten und aufzuschreiben, wo wir haltmachen werden und was uns in der Zukunft alles erwarten könnte. Sowohl in der Science Fiction wie auch in der Realität.

Damit wäre schon grob umrissen, was Azimut Futur sein soll – und warum dieser (zugegeben) nicht gerade eingängige Name vielleicht ganz passend ist. Dennoch: Was bedeutet Azimut eigentlich? Dazu die Wikipedia.

  • Die Definition der Astronomie lautet wie folgt: Das Azimut ist der Winkel zwischen der Meridian­ebene und der Vertikalebene eines Gestirns.

  • In der Artillerie ist Azimut die genaue Richtungsangabe in Strich (Artilleriepromille).

  • In der astronomischen Navigation ist mit Azimut der Winkel am gegissten Standort (gekoppelter Ort) von Nord über Ost zum Bildpunkt (Fußpunkt) eines Gestirns gemeint.

Kurz um: Azimut Futur heißt für mich 'Richtung Zukunft'. Und das mit Lese-, Schau-, Hör-Tipps und auch meinen eigenen Gedanken und kleinen Artikeln.

Michael


Lesetipps

Für mich war dieses Jahr mein Reisegepäck (und mein Kindle) vor allem mit vielen Büchern gefüllt. Hier vier Vorschläge, die ich euch an dieser Stelle unmittelbar als Weihnachtslektüre empfehle – und hier bei WIRED.de noch einige mehr.

In The Seclusion von Jacqui Castle hatten die nationalistischen Bewegungen in den USA bittere Folgen. Im Jahre 2090 hat sich der Staat vollkommen vom Rest der Welt isoliert. Die meisten Menschen leben zusammengepfercht in Megastädten. Und kleine Trupps suchen das Land nach den Überresten von verwertbaren Ressourcen ab. Auf einem Trip entdecken zwei junge Amerikaner ein Hort von Büchern aus der Zeit vor der Abschottung. Erstmals erkennen sie, was wohl jenseits der Grenzanlagen vorgeht – und wollen fliehen.

The 2020 Commission Report on the North Korean Nuclear Attacks Against the United States von Jeffrey Lewis ist ein elaboriertes Denkexperiment. Der Professor am Middlebury Institute of International Studies spielt darin durch, wie es tatsächlich zu einem nuklearen Angriff Nordkoreas auf die USA kommen könnte – und arbeitet diesen dann anhand von fiktiv-historischen Ereignissen, Dokumenten und Interviews auf. Das alles ist freilich Science Fiction aber so nah an der Realität, dass es fast schon schmerzt.

Ein anderes Highlight war New York 2140 in dem Kim Stanley Robinson eine Zukunft beschreibt, in der der Klimawandel eingefordert hat, was wir nicht retten konnten. Und das ist vor allem Landfläche. Manhattan steht unter Wasser aber ist dennoch bewohnt. Im MetLife Tower leben Börsenspekulanten, Internetberühmtheiten, ein Hausmeister und viele weitere verquere Menschen. Und eben deren Leben folgt Robinson, um mit dem Turbokapitalismus, der Aufmerksamkeitsökonomie und zuvorderst den USA abzurechnen.

Erst gerade habe ich The Last Voyage of Skidbladnir von Karin Tidbeck beendet, das als E-Book gerade einmal einen Euro kostet. Es ist kein Roman, sondern sogar mehr Kurzgeschichte als Novelle und erzählt von Saga, die ihr Heimatdorf verließ, um als Mädchen für alles auf einem abgewrackten Passagierfrachter anzuheuern. Doch unter dessen Hülle verbergen sich mehr als nur Kabel, Schläuche und Generatoren – was besonders klar wird, als immer öfter merkwürdige Fehlfunktionen auftreten.


News und Artikel

Der Mond bei Köln

Alle wollen sie gerade zum Mond. Die NASA, Jeff Bezos und auch die ESA und das DLR. Gemeinsam planen die beiden Letztgenannten derzeit eine künstliche Mondlandschaft als Trainingsareal, das auf den Namen Luna hören soll. Das soll bei Köln auf einer 1.000 Quadratmeter großen Wiese entstehen, die abgetragen, geglättet und letztlich überdacht wird. Mit Vulkanpulver soll die staubige Oberfläche des Erdtrabanten simuliert werden. Die pulvrige Ablagerung ist nicht ohne. Denn sie kann leicht durch kleinste Ritzen in Geräten und Anzüge eindringen und dadurch für Fehlfunktionen sorgen - genau wie das Original.

Richard Branson hat Menschen ins All gebracht

Virgin Galactic, das Raumfahrttourismus-Start-up von Milliardär Richard Branson, hat es geschafft. Erstmals hat eines seiner Raketenschiffe, das von einem riesigen Trägerflugzeug in die Luft gehoben und dann ausgeklinkt wird, die 80-Kilometer-Grenze zum Weltall durchbrochen. Damit hat das Unternehmen als erstes Privatunternehmen mit einem eigenen Raumschiff Menschen ins All transportiert. Dadurch kommt Branson sogar SpaceX zuvor – das mit seiner Dragon-V2-Kapsel im kommenden Jahr NASA-Astronauten zur ISS fliegen soll. Eigentlich hatte Branson diesen Erfolg bereits vor über zehn Jahren versprochen. Denn ursprünglich wollte er schon 2007 erste zahlende Gäste in den Erdorbit transportieren.

Tayler Swift ließ ihr Konzern nach Stalkern scannen

Taylor *Shake it off* Swift hat offenbar ein Gesichtserkennungssystem bei ihrem Konzern im Rose Bowl, Pasadena einsetzen lassen. Das war bereits im Mai. Kameras filmten die Gesichter der Besucher. Die Bilder wurden dann mit einer Datenbank bekannter Swift-Stalker abgeglichen – von der die Dame mehrere Hundert hat. Die Legalität scheint in diesem Fall gegeben, da die Konzerte als „nicht öffentliche“ Veranstaltungen gelten – und beim Kartenkauf wohl auch einer ganzen Latte an ABGs zugestimmt wird. Aber die mangelnde Offenheit über den Einsatz der Technologie ist jedoch zumindest fragwürdig.

Minority Report in Chicago

Sonja Peteranderl für WIRED Germany zudem über das Predictive Policing in Chicago geschrieben. Das sollte einst vor allem potentielle Wiederholungstäter und gefährdete Bürger ausmachen. Aber das System erweist sich mittlerweile als diskriminierend, rassistisch und als verstörendes Überwachungswerkzeug.

WIRED 2029

Bevor WIRED Germany seinen Betrieb ganz einstellt, haben wir noch eine letzte Artikel-Serie auf den Weg gebracht: Mit WIRED 2029 schauen wir zehn Jahre in Zukunft – und was dann sein wird oder könnte.

Werden wir 2029 überall autonome LKW auf den Straßen haben?

Wird es dann bereits die Robo-Alleskönner geben, wie wir sie in Film und Fernsehen gerne sehen?

Weitere coole Artikel folgen noch bis zum 19. Dezember.


Hörtipps

Der Zündfunk Generator hat in einer seiner letzten Ausgaben Liu Cixin und die chinesische Science-Fiction betrachtet. Es ist nicht gerade die beste Aufarbeitung des Themas aber doch ein Durchhören bei der S-Bahn- oder Autofahrt wert.

In China gibt es eine lebendige und vielfältige Szene der Science Fiction-Literatur. Das ist mit dem internationalen Erfolg des chinesischen Autors Liu Cixin und seiner "Trisolaris"-Reihe klar geworden. Die Romane sind auch aus einer Auseinandersetzung mit dem Trauma der Kulturrevolution heraus entstanden. Darüber sprechen wir im Zündfunk Generator mit Liu Cixin.

Eine fantastische Aufarbeitung hat hingegen Reply All mit seiner Episode Negative Mount Pleasant geleistet. Die kleine Ortschaft Mount Pleasant in Wisconsin ging einen Deal mit Foxconn ein. Das chinesische Megaunternehmen will dort für mehrere Milliarden eine Fabrik aufbauen. Das riss die Gemeinde auseinander. The Verge hat die Episode mit einem Interview begleitet.


Worte zum Schluss

Vielen Dank an jene, die Azimut Futur bereits abonniert haben. Der Newsletter ist bei weitem noch nicht perfekt, die beste Form muss noch gefunden, die Ressorts noch ausgearbeitet und geordnet werden. Aber ich denke, dieser Debut-Newsletter gibt euch eine Vorstellung davon, was er sein kann und vielleicht auch wird.

Ansonsten: Folgt mir gerne auf Twitter bei @micha. Und wer wissen mag, was meine WIRED-Kollegen so tun, der kann ihnen ebenso auf Twitter bei @wolfgangkerler und @CaptainBenski folgen.

Ein großer Dank geht auch an Christian Schiffer, der mich auf die Idee zu diesem Newsletter gebracht hat. Er ist der Kopf hinter dem Games-Booakzine WASD, das gerade in seiner 14ten Ausgabe erschienen ist, die ich euch nur wärmsten empfehlen kann.

Coming soon

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